Die Sylt-Saga

Eine Geschichte über Freundschaft, Pferde, den Wind und die Geheimnisse Sylts

Prolog :

Auf Sylt sagt man, der Wind trägt alles fort.

Nur manche Geschichte lässt er zurück.

Dies ist eine davon.

Sie beginnt in einer Nacht, in der sich das Meer erinnerte, dass die Insel einst ihm gehörte.

Im Oktober des Jahres 1634.

Schon Tage zuvor hatte der Wind unaufhörlich über Sylt gejagt. Er fuhr heulend durchs Dünengras, riss an den Reetdächern der Höfe und ließ selbst die alten Weiden ächzen. Das Meer war unruhig geworden. Welle um Welle schlug gegen die Küste, als würde die Nordsee Atem holen für etwas, das noch kommen sollte.

Die Menschen sprachen leiser als sonst und die Fischer blieben an Land.

Und die Alten blickten schweigend aufs Wasser.

Sie kannten die See und sie wussten, dass es Nächte gab, in denen sie nahm, was sie über Generationen geduldet hatte.

Als die Dunkelheit hereinbrach, verschwand der Horizont.

Himmel und Meer wurden eins.

Der Regen peitschte waagerecht über die Marsch, der Sturm schluckte jedes Rufen, jedes Läuten und jedes Gebet.

Dann kam das Wasser.

Nicht eine einzelne Welle.

Nicht als aufgewühlte Brandung.

Es kam lautlos und unaufhaltsam.

Es kroch durch Gräben, verschlang Weiden und Zäune, riss Höfe auseinander und bahnte sich den Weg über die Insel , bis es schließlich die Tinnumburg erreichte.

Dort, so erzählt man sich seit Generationen, lebte damals der Landvogt Frödde Frödden.

Und man erzählt sich noch etwas...

Er soll einen Schimmel besessen haben, kein gewöhnliches Pferd, sondern ein Schimmel von solcher Schönheit, dass selbst Fremde noch Jahre später von ihm sprachen.Sein Fell sei heller  gewesen als frischer Dünensand im Morgenlicht, seine Mähne habe im Wind geleuchtet wie Gischt auf den Wellen.

Ob es diesen Schimmel wirklich gab, wusste niemand.

Doch jeder auf Sylt kannte die Geschichte.

Als die große Flut in jener Nacht über die Insel hereinbrach, verlor sich jede Spur von Pferd und Herr.

Manche sagten, beide seien von den Wassermassen verschlungen worden.

Andere schworen, der Landvogt habe seinen Schimmel im letzten Augenblick losgebunden.

Und wieder andere behaupteten, sie hätten ihn noch oben auf dem Wall der Tinnumburg gesehen.

Reglos...

Den Kopf gegen den Sturm erhoben...

Als würde er warten...

Ein Blitz zeriß den Himmel. Für einen Bruchteil lag die Burg im grellen Licht.

Dort stand der Schimmel..

Schneeweiß...

Unbeweglich.

Seine Mähne tanzte im Sturm, während rings um ihn das Wasser tobte.

Dann wurde die Nacht wieder schwarz. Und als der nächste Blitz den Himmerl erhellte..

war der Schimmel verschwunden.

Am Morgen fand die Überlebenden nichts...

Keine Hufspur...

Kein Zaumzeug...

Kein weißes Haar zwischen Schlick, Treibholz und den Trümmern der Flut.

Nur das Meer.

Die Jahre vergingen und die Reste der alten Landvogtei verfielen.

Der Wind strich weiter über die Insel, als wäre nichts geschehen.

Das Meer hatte sich längst zurück gezogen. Heide und Dünengras bedeckten die Narben der Flut. Da, wo einst die alte Landvogtei gestanden hatte, blieben nur verlassene Backsteine zurück.

Mit den Jahren verstummten die Stimmen derer, die die Nacht erlebt hatten.

Aus Erinnerungen wurden Erzählungen.

Aus Erzählungen wurden Geschichten.

Und schließlich glaubten viele, die große Flut sei nur noch ein Kapitel vergangener Zeit.

Bis eines Tages Männer kamen, um die alten Steine zu bergen. Stein für Stein lösten sie aus dem Boden und den verfallenen Resten und verluden sie auf schwer beladene Wagen.

An einer anderen Stelle in der Nähe sollte aus ihnen eine neue Landvogtei entstehen.

Die  Männer arbeiteten schweigend. Stein um Stein wuchs die neue Vogtei.

Bis die erste Nacht kam.

Ein Maurer schreckte aus dem Schlaf.

Er lauschte...da war es wieder... dumpf... langsam... ein einzelner Hufschlag...dann noch 

einer...

und noch einer...

nicht hastig, nicht fliehend...

Eher so als würde ein Pferd gemächlich über eine Wiese schreiten.

Er griff nach seiner Laterne und trat hinaus, der Wind fuhr ihm kalt durchs Gesicht.

Die Nacht war still, zu still...

Kein Pferd...

Kein Mensch...

Nur das Flackern der Laterne und das ferne Rauschen des Meeres.

Am nächsten Tag lag feiner Tau über den Wiesen . Als die Männer erneut zur alten Vogtei 

gingen, um neue Steine zu holen, blieb einer der Männer plötzlich stehen. Ohne ein Wort deutete er auf den Boden. Mitten im silbrig  glitzernden Gras zeichneten sich frische Hufspuren ab. Klar und deutlich, so als wäre in der Nacht dort ein Pferd entlanggegangen.

Die Spuren begannen zwischen den alten Backsteinen und führten ein Stück Richtung Tinnumburg. 

Noch bevor sie den alten Ringwall erreichten, verloren sie sich im Tau.

Sie hörten einfach auf, als hätte das Pferd die Erde verlassen.

Die Maurer sprachen nie wieder darüber miteinander.

Doch auf Sylt erzählte man sich seit jener Zeit, dass manche Dinge ihren Ursprung niemals ganz verlassen, nicht einmal dann, wenn man Stein für Stein fortträgt.

Seit jener Zeit sagt man auf Sylt, der Wind trage vieles fort, doch nicht jede Geschichte...

Manche warten geduldig.

  Jahrhunderte lang.

Bis jemand bereit ist, sie wiederzufinden...

 

 

 

 

 

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.